Windmühlen der Erinnerung

Round like a circle in a spiral, like a wheel within a wheel

Never ending or beginning on an ever spinning reel

Like a snowball down a mountain, or a carnival balloon

Like a carousel that’s turning running rings around the moon

Like a clock whose hands are sweeping past the minutes of its face

And the world is like an apple whirling silently in space

Like the circles that you find in the Windmills of your Mind!

„Windmills of your Mind“ – Marilyn Bergman / Michel Legrand / Alan Bergman

Die Doline war ein schöner Ort. Die Höhle, die vom Hauptteil der Basis wegführte, öffnete sich hier und gab den Himmel frei. Auch wenn nicht das beste Wetter war, aber der Anblick mit dem Fluss, der hier einen Wasserfall bildete, war doch einmalig. Und kalt. Im Moment eher kalt. Aber auch einmalig. Es hatte etwas beruhigendes, fand Commander Lance McCrae. Was ASTROCOHORS ONLINE betraf, so schien alles zu laufen. Er hatte kurz mit Jarmo Dorak gesprochen und ihn an Commander Luxley weiterverwiesen. Alles wunderbar im Moment. Kein Grund zu hetzen. Auszeit. Einfach Auszeit. Lance sah den Wasserfall an. Das Wasser bildete interessante Formen, je nachdem wie es auf die Steine traf. Und das permanente Rauschen wirkte irgendwie beruhigend. So beruhigend, dass Lance gar nicht merkte, wie sich die Landschaft zu wandeln schien, während auch das Rauschen des Wassers sich änderte in ein Röhren…


Das typische Röhren eines Stratosphärengleiters war von der Ferne her zu hören. Keira Pi sah zum Himmel.
„Der fliegt nach Terra“, sagte sie. „Typische Zeit, und die Richtung stimmt auch.“
Die junge Gunnafiri setzte ihren Weg durch das Bachbett fort. Ihr Begleiter, Lance McCrae, folgte ihr in einem kurzen Abstand, allerdings langsamer als sie. Dabei fragte er sich, wie sie das machte. Sie bewegte sich durch das kalte, etwa zwanzig Zentimeter tiefe Wasser fort, als würde sie an Land laufen. Ihre nackten Füße schienen instinktiv die richtigen Stellen zu finden, an denen sie sicher auftreten konnte. Im Gegensatz zu ihm, der ständig das Gefühl hatte, als würden sich sämtliche Kiesel des Bachs in seine Sohlen bohren. Von der Kälte mal ganz abgesehen, die ihm beinahe jegliches Gefühl nahm. Was für ein Widerspruch, einerseits spürte er kaum etwas wegen der Kälte, andererseits spürte er aber die Steine sehr deutlich und schmerzhaft.
„Was Du alles weißt“, antwortete McCrae auf die Bemerkung seiner Begleiterin. „Ich hätte von der Richtung her nur geschätzt, dass der Gleiter am Raumhafen gestartet ist.“
„Ist er auch“, gab sie zurück. „Seit die Arbeiten an der Port Manteau sich verzögern, hat der Flugverkehr dort ganz schön zugenommen. Ich war eine Zeitlang am Raumhafen eingesetzt, deswegen habe ich noch einigermaßen die Flugpläne im Kopf.“
Sie hob den rechten Fuß. Lance sah diesmal ganz genau hin, konnte aber auch nicht entdecken, was sie anders machte als er. Sie bewegte ihren Fuß nach vorne und setzte ihn wieder im Bachbett ab, langsam, die Zehen zuerst, dann der Rest.
„Kannst Du mir zwei Fragen beantworten?“, hakte er nach.
„Ist das bereits die erste der zwei Fragen?“, fragte sie zurück.
„Nein. Du weißt, wie ich das meine.“

Sie hielt an und drehte sich um. Die beiden standen an einer etwas tieferen Stelle des Bachs, der hier etwa zwei Meter breit war. „Was ist denn?“, wollte sie wissen.
„Erstens: Was nochmal tun wir hier genau?“
Er breitete die Arme aus, um das Wort „hier“ zu unterstreichen. Der Bach, in dem die beiden standen, floss durch eine Schlucht. Sie mussten in ihm laufen, weil die Wände seitlich steil anstiegen. Neben dem Wasserlauf konnte man nicht gehen. Diese Schlucht befand sich in einem Wald auf SMARAGDIA, genauer gesagt, im Territorium von Vinel. Korrekterweise hätte man das Land als „Vinel Cef Tica“ bezeichnen müssen, aber so viel Zeit nahm sich kaum jemand. Es war eine bergige Region und seine Einwohner, die Vinelener, etwas verschlossen. Eigentlich konnte man sie als beinahe „unterkühlt“ beschreiben. Lediglich einmal im Jahr, zum Amanha Merkki Ono von Saleb, ließen auch die Vinelener ihren Emotionen freien Lauf.

Keira Pi war aber keine Vinelenerin. Sie stammte aus dem Territorium von GUNNAFIR. Das war nicht so ganz einfach zu sehen, denn ihr fehlten die typischen Knochenwülste, die eine senkrechte Fortsetzung des Nasenbeins zur Stirn darstellten. Sie sah aus wie eine Terranerin mit einer etwas höheren Stirn, war etwas kleiner als der Durchschnitt, hatte braune Haare und braune Augen. Sie kam aus der so genannten „bürgerlichen Schicht“ von GUNNAFIR, was man an ihrem Namen erkennen konnte: Pi war nämlich ihr Vorname, und Keira der Familienname. Das war die übliche Schreibweise. Nur den Adligen, die in der Regierungskammer von Gunnafir saßen, war es erlaubt, den Vornamen vor den Nachnamen zu setzen. Und das war nur eine der überflüssigen Eitelkeiten, die sich diese Kaste von Politikern gestattete, um sich vom „gewöhnlichen Pöbel“ abzuheben.

„Wir wollen doch unser Trennungsritual vollziehen, oder?“, meinte Keira Pi. „Ich habe Dir von dem kleinen Tempel bei dem Wasserfall erzählt. Da gehen wir hin. Wo ist das Problem?“
Lance McCrae, ihr Begleiter, war ein Terraner, etwas über einen Meter siebzig groß, mit braunen, seitlich gescheitelten Haaren und blauen Augen. Seine Familie stammte aus Irland, er selbst war jedoch auf einem Raumschiff geboren. Er war, so wie Keira auch, Offizier der Wissenschaft der Raumflotte ASTROCOHORS. Sie hatten beide auf dem selben Schiff gedient, als sie sich kennenlernten. Aber das schien lange her zu sein.
Beide trugen ihre Uniformen, Overalls, bei denen beide die Beine hochgekrempelt hatten, damit sie nicht nass würden. Die Schuhe trugen sie in der Hand. Pi hatte zudem einen langen Mantel an, Lance trug Thermowäsche unter seinem Overall.

„Trennungsritual“, wiederholte McCrae, „schön und gut. Aber gibt es wirklich keinen anderen Weg zu dem Tempel? Und wieso gehen wir überhaupt hierher? Hätte es bei den Gunnafiri keine Möglichkeit gegeben, so ein Ritual zu vollziehen? Es gibt doch immerhin genügend Tempel.“
„Die Priester meiner Heimat sind teilweise sehr konservativ“, gab Pi zu bedenken. „Eine Trennung kommt bei ihnen nicht vor, für sie ist das Blasphemie. Es gibt keinen Tempel, der für eine Trennungszeremonie in Frage kommt. Dieser hier schon. Davon abgesehen gefällt er mir, so mitten in der Natur und von Wasser umgeben.“
„Wir waren aber doch gar nicht verheiratet“, warf Lance ein. „Wir haben kein Ritual vollzogen und uns zu nichts verpflichtet. Das müssen doch auch konservative Priester einsehen.“
Sie lächelte. „Wir haben aber dafür ein anderes Ritual vollzogen.“ Lance sah sie fragend an. „Wir haben miteinander geschlafen“, erklärte sie dann. „Damit haben wir eine Verbindung zwischen uns hergestellt. Für die Priester kann diese Verbindung nicht mehr getrennt werden. Also müssen wir uns irgendwie anders behelfen.“
Er verzog das Gesicht. „Ich spüre meine Füße fast nicht mehr, bis auf die Schmerzen, die spüre ich sehr genau. Wie weit ist es denn noch?“
„Es ist nicht mehr weit. Komm, wenn wir noch lange hier stehen, wird es nicht besser.“

Sie setzten den Weg fort. Nach etwa fünf Minuten kamen sie an eine Stelle, an der die Schlucht breiter wurde. Vor ihnen baute sich eine Steinwand zu einem etwa drei Meter hohen Wasserfall auf. Im Wasser des Bachs war eine kleine Insel, auf der ein Pfahl stand. Auf dem Pfahl, in etwa zwei Metern Höhe, lag ein großer Stein. Der Stein erinnerte entfernt an einen Halbmond, allerdings waren seine Kanten nicht glatt, sondern gebrochen. Die Insel teilte den Bachlauf in zwei Arme, einen, durch den Lance und Pi gekommen waren, und einen zweiten, der in eine kleine Seitenschlucht floss.

„Das ist die Markierung“, erklärte Pi. „Der gebrochene Stein. Symbol der Endlichkeit aller Dinge. Hier geht es zum Tempel herüber.“
Sie ging voran in die kleine Seitenschlucht. Diese war auf einer Länge von fünf Metern nur etwa anderthalb Meter breit, bevor sie sich in einen großen Kessel öffnete. Der Bach floss mitten durch diesen mit Bäumen und Sträuchern bewachsenen Kessel, der mindestens fünfzig Meter Durchmesser hatte. In seiner Mitte erhob sich ein Fels. Und endlich konnten sie aus dem Wasser heraus. Sie gingen ein paar Meter über weichen Waldboden, bevor sie zu einer Stelle kamen, an der der Bach eingefasst war und von einer einfachen Holzbrücke überspannt wurde. Pi lief voran, doch Lance blieb misstrauisch stehen.
„Komm schon“, sagte sie, „wir wollen sie nicht warten lassen.“
Der Wissenschaftler überquerte vorsichtig die zwei Holzbohlen, die man über den Bach gelegt und an den Enden befestigt hatte. Sie hielten ihn. Von hier aus ging es direkt weiter zu dem Fels, der kaum zu erkennen war. Er ragte aus einem kleinen Hügel heraus und war ebenfalls völlig mit Bäumen und Büchen überwachsen. Und durch die Bäume hindurch konnte man eine Formation sehen, die aus fünf groben Steinsäulen bestand, auf denen wiederum flache Steine ruhten. So aus der Entfernung sah es beinahe aus, als handele es sich um versteinerte Riesen. Mit etwas Fantasie konnte man in den Säulen Gesichter ausmachen.
„Dort ist der Eingang, hinter den Säulen!“
Pi ging voran, die kleine Anhöhe des Hügels hinauf und verschwand hinter den Steinsäulen. Als Lance sie ebenfalls umrundet hatte, sah er, dass unmittelbar dahinter eine Öffnung in den Fels führte. Das schien der Tempel zu sein, von dem Pi gesprochen hatte.
Der Tempel war eine in den Fels geschlagene Kuppel von etwa drei Metern Höhe. An der dem Eingang gegenüber liegenden Seite stand ein steinerner Altar, auf dem ein Feuer in einer Schale brannte. Der Rauch des Feuers konnte durch eine Öffnung am höchsten Punkt der Kuppel abziehen. Diese Öffnung sorgte auch dafür, dass es in dem Raum nicht stockfinster war. Tageslicht strömte von oben herein.
Neben dem Altar stand eine hochgewachsene Vinelenerin. Sie trug lange, wallende, weiße Gewänder und einen breiten, mit einer auffälligen Schnalle verzierten Gürtel. Ihr schmales Gesicht wurde von blonden Locken umrahmt, die ihre Ohren kaum verbargen. Ihr Gesichtsausdruck verriet keine Gefühlsregung.

Keira war am Eingang stehengeblieben. McCrae hielt sich hinter ihr.
„Bist Du Keira Pi?“, fragte die Vinelenerin laut.
„Die bin ich“, gab die Gefragte zurück.
„Dann kommt herein. Es ist alles vorbereitet.“
Die beiden kamen näher. Doch als der Blick der Vinelenerin auf Lance fiel, konnte man ihre Verwirrung sehen. „Du?“, fragte sie überrascht.
„Ich?“, fragte Lance genauso überrascht zurück und schob seine Brille zurecht. Das war eine Verlegenheitsgeste, die er immer machte, wenn nicht recht wusste, wie er auf eine Situation reagieren sollte.
„Ich kenne Dich, obwohl wir uns nie begegnet sind. Ich hätte nicht gedacht, Dich so bald zu treffen.“
„Aber sie wussten, dass wir uns treffen würden?“, wollte der Terraner wissen.
„Ja, das wusste ich. Ich sah Dich in einer Vision. Die Macht der Dreizehn ist mit Dir!“
„Die Macht der Dreizehn?“
„Das wirst Du eines Tages verstehen“, sagte sie und Lance seufzte innerlich, da er genau eine solche vage Andeutung erwartet hatte. Sie fuhr fort: „Aber jetzt wollen wir in der Gegenwart bleiben. Ihr seid hier, um ein Trennungsritual zu vollziehen?“
„Ja“, erwiderte Pi.
Die Vinelenerin machte eine Bewegung seitwärts und holte zwei Sitzkissen hinter dem Altar hervor. „Ich bin die Priesterin Ansitra“, sprach sie, während sie die Kissen vor dem Altar auf den Boden legte. „Ich werde Euch durch diese Zeremonie begleiten. Nehmt Platz.“
Pi und Lance setzten sich auf die angebotenen Kissen.

„Das Leben“, führte Ansitra aus, „ist nicht starr. Es gibt keinen Zustand, der ewig hält. Es ist ein ständiges Werden und Vergehen. Und manchmal müssen auch Gefühle gehen. Aber es muss nicht sein, dass dann ein Vakuum hinterlassen wird. Ihr seid hier, weil Ihr vor Euch bekräftigen wollt, dass die Liebe, die Ihr füreinander empfunden habt, vergangen ist, aber dass deswegen das Band, das zwischen Euch besteht, nicht zerrissen werden musst. Als Liebende kommt Ihr, als Freunde sollt Ihr gehen. Denn aus allem, das geht, entsteht etwas neues, wenn man es nur zulässt.“

Sie hob die Feuerschale von dem Altar herunter und stellte sie vor die beiden auf den Boden. Dann nahm sie einen Stab aus Eisen, der ebenfalls auf dem Altar gelegen hatte, und reichte ihn Keira.
„Wir beginnen das Ritual, indem Du das kleine Feuer vergrößerst“, erklärte Ansitra.
Keira richtete sich auf und kniete sich hin. In der Position überragte sie Lance um einen Kopf, konnte so aber besser kontrollieren, was sie tat. Das „kleine Feuer“, das die Priesterin beschrieben hatte, kam von einem Haufen Kohle, der in der Mitte der Schale lag. Pi nahm den Stab, um die Kohlen auseinander zu ziehen. Sofort schlugen die Flammen höher. Lance sah ihr interessiert zu.
„Sehr gut“, lobte die Priesterin. „Habt Ihr Gegenstände dabei, die für Euch eine sehr persönliche Bindung zu Eurer Beziehung haben?“ Die beiden nickten. Darauf erklärte die Helvinerin weiter: „Bei einer Verbindungszeremonie ist der Kuss des Paares Höhepunkt und Siegel der Erklärung. Bei der Trennung ist es der Anfang. Küsst Euch ganz bewusst zum letzten Mal als Paar.“
Nun richtete sich McCrae auf. Als auch er kniete, nahm er sie vorsichtig in den Arm, wie er es schon so oft getan hatte. Doch dieses Mal war es anders. Er beugte sich nach vorne und sie küssten sich. Beide überkam ein Gefühl des Abschieds. So würde es nie mehr sein. Genau genommen war es schon einige Zeit nicht mehr so. Aber jetzt wurde es ihnen wirklich bewusst. Dabei hätten sie keine Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ geben können, wenn man sie ihnen gestellt hätte. Die letzten Monate ihrer Beziehung waren turbulent gewesen, und das nicht nur wegen der äußeren Umstände. Genau genommen war die Zeit turbulenter gewesen, als die Beziehung aushielt. Es ging so lange, bis beide einsehen musste, dass es auf diese Weise nicht mehr weitergehen konnte. Aber sie wollten sich in gegenseitigem Respekt trennen, nicht in dem Kleinkrieg, in den so etwas manchmal ausarten konnte.

Der Kuss war beendet. Als sie sich langsam von einander entfernten, versuchte Lance für sich festzuhalten, wie es sich anfühlte, wenn ihre Lippen seine berührten. Das wollte er behalten, wusste er doch nicht, was die Zukunft bringen würde. Aber wer wusste das schon?
„Keira Pi“, sagte die Priesterin in dem Moment, „nun ist es Zeit, loszulassen. Was hast Du mitgebracht, das für Dich eine tiefe Verbindung mit der Beziehung hat?“
Sie griff in die Tasche ihres Overalls und zog ein Papier heraus. Lance erkannte es sofort, es war der erste Brief, den er ihr geschrieben und in dem er ihr seine Gefühle offenbart hatte. Ein handgeschriebener Brief auf Papier, und das im Zeitalter der Elektronik. Er hatte sich sogar den Text ins Gunnafirische übersetzen lassen und mühsam abgeschrieben.
„Lance McCrae“, fuhr Ansitra fort, „auch für Dich ist es Zeit, loszulassen. Was hast Du mitgebracht, das für Dich eine tiefe Verbindung mit der Beziehung hat?“

Er holte ebenfalls ein Papier aus der Tasche seines Overalls. Es handelte sich um den schwarz-weißen Computerausdruck des Bildes einer Überwachungskamera. Das Bild zeigte ihn und Keira, die vor der Konsole des Hauptrechners auf der Brücke der USS HOOD standen. Ein besonderer Moment, den die Überwachungskameras da eingefangen hatten, nämlich wie die beiden sich kennengelernt haben. Lance hätte ganz schön Ärger kriegen können, wenn der Captain der HOOD damals mitgekriegt hätte, dass er die Sicherheitsdateien der Überwachungskameras der Brücke aufgerufen hatte, um dieses Bild auszudrucken. Missbrauch von Arbeitsmaterial wäre das gewesen. Aber für ihn hatte es eine besondere Bedeutung. Pi hatte ihn angesprochen, als er an der Konsole arbeitete. Er war gerade erst versetzt worden und ganz neu. Sie waren sich vorher nie begegnet. Und nach der Begegnung war irgendwie nichts mehr wie vorher. Im Dezember schließlich waren sie zusammen gekommen. Lance war darüber so glücklich gewesen, dass er ihre Beziehung der Jahreszeit wegen stets als „Wintermärchen“ bezeichnet hatte. Ja, Wintermärchen

„Das Feuer wird nun die Vergangenheit Vergangenheit werden lassen“, verkündete Ansitra. „Die Zeit kommt aus der Zukunft, die noch nicht existiert, geht über in den gegenwärtigen Moment, der flüchtig ist, hinein in die Vergangenheit, die bereits nicht mehr existiert. Jeder Augenblick des Lebens ist ein Abschied und ein willkommen Heißen. Nehmt nun Abschied von der Vergangenheit.“
Die beiden nahmen ihre Papiere und warfen sie zusammen in die Schale. Sofort wurden sie von den Flammen erfasst und zu Asche verbrannt. Jetzt stellte sich die Priesterin so hin, dass die Schale zwischen ihr und Pi und Lance stand. Sie holte einen kleinen Lederbeutel aus ihrem Gewand, sowie einen schwarzen Würfel von etwa zehn Zentimetern Kantenlänge. Den Würfel legte sie an den Rand der Schale, so dass er von den Flammen nicht berührt wurde. Danach griff sie in den Lederbeutel und holte eine Handvoll nicht identifizierbarer Kräuter heraus.

„Und nun heißt die Gegenwart willkommen“, forderte die Priesterin. „Nehmt die jeweils rechte Hand des anderen.“ Sie taten es. „Und nun, Keira Pi, sprich mir nach, doch sprich zu Lance, indem Du ihm in die Augen siehst: Lance McCrae, unsere Liebe ist Vergangenheit, doch ich biete Dir hier und jetzt meine Freundschaft an. Alles, was wir fortan teilen, materiell oder immateriell, tun wir als Freunde. Bist Du bereit, mein Angebot anzunehmen?
„Lance McCrae, unsere Liebe ist Vergangenheit, doch ich biete Dir hier und jetzt meine Freundschaft an. Alles, was wir fortan teilen, materiell oder immateriell, tun wir als Freunde. Bist Du bereit, mein Angebot anzunehmen?“
„Wenn Du dazu bereit bist, Lance“, erklärte Ansitra weiter, „dann sage: Keira Pi, ich nehme Deine Freundschaft an.
„Keira Pi, ich nehme Deine Freundschaft an.“
„Und nun, Lance McCrae, sprich mir nach, doch sprich zu Pi, indem Du ihr in die Augen siehst: Keira Pi, unsere Liebe ist Vergangenheit, doch ich biete Dir hier und jetzt meine Freundschaft an. Alles, was wir fortan teilen, materiell oder immateriell, tun wir als Freunde. Bist Du bereit, mein Angebot anzunehmen?
„Keira Pi, unsere Liebe ist Vergangenheit, doch ich biete Dir hier und jetzt meine Freundschaft an. Alles, was wir fortan teilen, materiell oder immateriell, tun wir als Freunde. Bist Du bereit, mein Angebot anzunehmen?“
„Wenn Du dazu bereit bist, Pi, dann sage: Lance McCrae, ich nehme Deine Freundschaft an.“
Lance McCrae, ich nehme Deine Freundschaft an.
„Bei vielen liegen die Extreme dicht beieinander“, führte Ansitra aus. „Leidenschaftliche Liebe – leidenschaftlicher Hass. Jene, die bis zuvor noch alles geteilt hätten, bekämpfen sich teilweise bis aufs Blut und zerstören den letzten Rest an Vernunft, der noch in ihnen existiert. Mit dieser Zeremonie wollt Ihr zeigen, dass dieser Weg nicht der Eure ist. Wunden mögt Ihr erlitten haben, doch Ihr werft sie Euch nicht vor, denn wenn man sich gegenseitig hilft, können sie leichter heilen. Das Leben ist manchmal genug Kampf, da muss man nicht noch mehr Kämpfe ausfechten. Und dennoch ist alles erlaubt, Trauer, Tränen, Enttäuschung. Doch wie ein Philosoph schon vor langer Zeit einmal bemerkte, ‚Ent-täuschung‘ ist auch nichts weiter als ‚das Ende der Täuschung‘. Ihr mögt Euch getäuscht haben über die Richtung, in die Eure Beziehung ging, doch nun könnt ihr einen anderen Weg gehen. Geht ihn, indem Ihr Euch in Freundschaft stützt und füreinander da seid, wie echte Freunde.“

Mit einer großen Geste ließ die Priesterin die Kräuter, die sie in ihrer Hand gehalten hatte, in das Feuer in der Schale fallen. Darauf gab es einen Lichtblitz.

Lance McCrae schreckte hoch. Es war dunkel. Was zur Hölle war passiert? Er lag im Bett.
„Computer, Licht an! Fünfzig Prozent!“, rief er in den Raum.
Vorsichtig wurde es heller. Langsam lösten sich die Konturen seines Quartiers aus der Dunkelheit. Neben ihm im Bett lag Keira Pi, die ihn jetzt, da es immer heller wurde, verschlafen anblinzelte.
„Was ist denn los?“, wollte sie wissen.
„Ich… ich weiß nicht. Eben war ich doch noch…?“
Er konnte es nicht fassen. Hatte er geträumt? Die Trennungszeremonie und all‘ das – hatte das nur in seinem Kopf stattgefunden? Verwirrt sah er sich in dem Raum um. Alles schien wie immer zu sein. Doch dann fiel sein Blick auf die in der Wand eingelassene Computerkonsole. Sie zeigte unübersehbar das Logo der USS HOOD. Das konnte aber nicht sein! Die HOOD und alle dazu gehörenden Ereignisse waren Teil seiner Vergangenheit!
Und jetzt war ihm auch klar, wieso ihm die Situation so bekannt vorkam. Er hatte noch während der Trennungszeremonie daran gedacht, es war nämlich die erste Nacht gewesen, die Keira in seinem Quartier geschlafen hatte.
„Das ist nicht real!“, sagte er laut und drehte sich zu Pi um. Doch bevor irgendeine Reaktion erfolgen konnte, war ein lautes metallisches Kreischen zu hören. Die eine Wand des Raumes wurde von einer unsichtbaren Macht weggerissen, so dass der Offizier entsetzt in den offenen Weltraum hinaus starrte. Dann war eine dunkle Stimme zu hören.
„Er erwacht!“
„Was?“, fragte Lance.
„Er ist wieder da!“

„Lance, ist alles in Ordnung?“
Ohne jeden Übergang fand er sich in dem Steintempel wieder. Er lag auf dem Boden. Keira war über ihn gebeugt und machte ein sorgenvolles Gesicht. Hinter ihr stand die Priesterin.
„Das war mein Fehler“, tadelte jene sich selbst. „Ich hätte den Kubus nicht mitbringen sollen. Normalerweise schärft er nur den Blick für die Gegenwart. Aber bei Menschen, die etwas sensibler sind, hat er wohl eine ungleich stärkere Wirkung. Was hast Du erlebt, als Du bewusstlos warst?“
„Wie lange war ich denn bewusstlos?“, wollte Lance wissen.
„Etwa fünf Minuten“, antwortete Pi. „Seit einer halben Minute fängst Du an, wach zu werden.“
Fünf Minuten? Wie war das möglich? Die Situation, die er gesehen hatte, hatte doch allerhöchstens eine Minute gedauert! Er erzählte, was er gesehen und erlebt hatte, bis hin zu der geheimnisvollen Botschaft: „Er erwacht! Er ist wieder da!“
„Wer oder was ist ‚erwacht‘?“, fragte er.
„Das kann ich Dir nicht sagen“, gab Ansitra zu. „Die Kuben können an besonders aufnahmebereite Wesen Botschaften übermitteln, aber diese sind nie so völlig klar. Dieser Kubus übermittelt ein besonders klares Bild der Gegenwart, dafür spricht auch, dass die Botschaft in der Gegenwartsform gehalten ist. ‚Er erwacht‘, das heißt, dieses Erwachen findet gerade jetzt statt. Aber was es bedeutet… ich weiß es nicht. Du wirst es selbst herausfinden müssen, Lance McCrae.“

„Geht es Dir gut?“
Lance atmete tief durch. Er und Pi standen einige Minuten später wieder vor dem Tempel, bei den Steinsäulen. Die Frage konnte er nicht eindeutig beantworten.
„Ich weiß es nicht“, sagte er wahrheitsgemäß. „Es gibt da ein paar Dinge, mit denen ich fertig werden muss. Und diese merkwürdige Vision ist nur eins davon.“
„Was bedrückt Dich noch?“
„Was denkst Du denn? Ich bin Wissenschaftler, ich möchte einen Grund wissen, warum etwas so ist, wie es ist. Also, was ist schiefgelaufen?“

„Schiefgelaufen?“
„Zwischen uns! Was hat dazu geführt, dass wir heute an diesen Ort gegangen sind, um eine Trennungszeremonie zu vollziehen? War ich nicht geduldig genug? War ich zu duldsam? Hätte ich Dir noch mehr Freiheiten lassen müssen – oder Dich eher in die Schranken weisen sollen? Was ist passiert?“
Sie schüttelte den Kopf. „Es gibt nicht immer die eine Antwort“, meinte sie.
„Aber wenn ich keine Antwort habe, bin ich dazu verdammt, den selben Fehler wieder zu machen. Und wieder. Und wieder.“ Er wandte sich von ihr ab und fügte leise hinzu: „Falls es überhaupt…“
„Lance!“
„Ich muss den Tatsachen ins Auge sehen“, sprach McCrae weiter. „Was wir hatten, war eine ziemlich einmalige Sache. Vom Anfang bis zum Ende. Ja, selbst unsere Trennung ist ziemlich einmalig. Sowas findet sich kein zweites Mal. Und jetzt, da ich weiß, wie gut es sich anfühlt, eine Beziehung auf diese Weise zu führen, warum sollte ich mich da mit weniger zufrieden geben?“ Er verschränkte die Arme vor dem Körper.
„Tu das nicht“, sagte Keira ruhig. „Du gibst jetzt schon auf, obwohl Du nicht weißt, was noch kommen wird.“
Er schwieg einen Moment. „Was wirst Du tun?“, wollte er dann wissen.
„Ich werde nach GUNNAFIR zurückkehren“, erklärte sie. „Man hat mir eine Stelle in Kevi angeboten, die werde ich antreten.“
„Kevi Gam?“, hakte der Wissenschaftler nach.
„Ja. Wie sagt Ihr Terraner doch so schön? ‚Das ist nicht aus der Welt‘.“
„Aber auch nicht der nächste Weg. Ich werde an Bord der EUROPE bleiben. Oder sagen wir mal, ich werde Besatzungsmitglied der EUROPE bleiben. Die EUROPE selbst liegt noch im Raumdock und wird es auch noch eine Weile lang bleiben. Die Besatzung geht demnächst nach Terra, zum Training.“ Er drehte sich wieder zu ihr um. „Doch ein kleines Stück weg von Kevi.“
„Dann ist es eben so.“

Sie gingen weiter, den Weg zurück, den sie gekommen waren. Als sie wieder in der Schlucht mit dem Bach waren, drehte sich Keira nochmals um und betrachtete gedankenverloren den Wasserfall. Lance hätte viel dafür gegeben zu erfahren, was ihr durch den Kopf ging. Er selbst fühlte noch immer die Verwirrung. Er hatte das Gefühl, nicht in die Zukunft zu gehen, sondern zu stolpern. Und dass ihm auf dem Weg einige Fallen begegnen würden. Und Menschen, die nur darauf warteten, dass er stürzte. Er fühlte sich verlassen…


…so verlassen und allein, wie hier in dieser Doline, wo niemand…

Lance blinzelte. Er merkte noch immer ein merkwürdiges Gefühl in seinem Kopf, so als sei er gerade aufgewacht. Was war das? Eine Art Flashback, aber diesmal ungewollt. Genau das gleiche hatte er schonmal gesehen, aber damals hatte er sich bewusst an die Situation erinnert… oder hatte er das? Was war das? Ein Schmerz, den er noch nicht verarbeitet hatte? Er konnte im Moment nicht klar sehen. Aber ungewöhnlich war es schon, vor allem mit der Vision in der Vision. Er schüttelte den Kopf und wandte sich von der wunderschönen Szenerie ab. Er ging in die Höhle und damit zurück in die Basis. Es gab noch Dinge zu tun!

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